Mecklenburg-Vorpommern


Der Nationalpark Jasmund liegt im Nordosten des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern, auf der Insel Rügen. Dort befindet sich das Schutzgebiet im Osten der gleichnamigen Halbinsel zwischen Sassnitz im Süden und Lohme im Norden. Das Nationalparkgebiet umfaßt den bis auf 161 m über die See aufragenden, überwiegend aus Kreidekalk aufgebauten und bewaldeten Höhenrücken der Stubnitz, die Steilufer und einen 500 m breiten, dem Strand unmittelbar vorgelagerten Bereich der Ostsee. Besonders markant für diesen Nationalpark und einzigartig in Deutschland sind die hohen, am Königsstuhl bis auf 118 m aufragenden Kreidekliffs. Der Nationalpark hat eine Größe von 3003 ha. Davon sind 2123 ha von Wald und 673 ha von der Ostsee eingenommen. Die verbleibenden Flächen verteilen sich auf Moore, Strand, Wiesen, Weiden sowie Siedlungsbereiche.




Karstphänomene im Nationalpark Jasmund

Karsterscheinungen erfassen einen Komplex von hydrologischen und morphologischen Erscheinungen, die aus der Kombination von hoher Löslichkeit des Gesteins und gut entwickelter Porosität herrühren. Die spektakulären Kreideaufschlüsse auf der Halbinsel Jasmund im Nordosten Rügens erregen seit Jahrhunderten das Interesse von Reisenden und Forschern. Bis in die jüngste Vergangenheit wurde auch immer wieder die Frage kontrovers diskutiert, inwieweit die Kreide verkarstet ist. Argumente für die Verkarstung lieferten zunächst jedoch nicht die Geologen, sondern Biologen und Förster, die im Plateaubereich von Ostjasmund ponorähnliche Schlucklöcher entdeckten, die sie zum Teil für die Entwässerung von Mooren nutzten. Im Plateaubereich wurden ponorähnliche Versickerungsstellen, Bachversickerungen und Dolinen sowie im Bereich der Steilufer und Tagebaue "geologische Orgeln", direkt aus der Kreide austretende Quellen und Travertinvorkommen erfaßt. Obwohl die Kartierungsmethodik häufig erst im Verlauf der Arbeiten entwickelt bzw. vervollkommnet wurde, sprechen die Befunde für eine initiale Verkarstung der Kreide. Wenn man die Geologie Ostjasmunds unter dem Aspekt der Verkarstung betrachtet, ergibt sich folgendes Bild: In der zum Ende der Weichseleiszeit durch den Druck der Inlandgletscher deformierten Kreide war zwar ein Kluftsytem vorhanden, jedoch war die Zirkulation von Wässern auf Klüften zunächst nur schwer möglich, da die tektonisch begrenzten Kreidekomplexe von wasserundurchlässigen Geschiebemergeln überlagert waren. Die Verkarstung konnte erst beginnen, nachdem im frühen Holozän die Kreide durch Erosion und / oder Solifluktion von diesen Decksedimenten entblößt war. Erst danach waren großflächig Wassereintrittsmöglichkeiten in Kreideklüfte verfügbar. Wasseraustrittsstellen aus der Kreide waren theoretisch bereits von 14 000 Jahren verfügbar. Dabei handelt es sich um die Quellen auf der Landseite im Westen des Stauchkomplexes von Jasmund. Dagegen sind die Quellen, die heute an den Steilufern im Norden, Osten und Süden Jasmunds schütten, deutlich jünger. Diese Kliffs entstanden in Folge der litorinen Transgression erst vor etwa 6 000 Jahren. Die Quellen im Bereich der künstlichen Aufschlüsse innerhalb des Stauchkomplexes (Kreidegruben) besitzen ein Maximalalter von nur wenigen Jahrzehnten. Allerdings wurden durch die Wasserhaltungsmaßnahmen in den Kreidegruben zum Teil beträchtliche Wassermengen gefördert. Insgesamt stand für die Durchströmung und Lösung der Kreide eine - in geologischen Zeiträumen betrachtet - nur relativ kurze Zeitspanne zur Verfügung. Karstphänomene größerer Dimension konnten sich infolgedessen nicht entwickeln bzw. sie sind an Sonderbedingungen geknüpft. Dazu zählen Kohlen, und Schwefeligsäurig haltige Wässer, die infolge der Torfmineralisation in Mooren freigesetzt werden. Aufgrund der komplizierten geologischen und hydrologischen Verhältnisse innerhalb des Stauchkomplexes von Ostjasmund sind zumindest theoretisch auch die Voraussetzungen für Mischungskorrosionserscheinungen gegeben. Sie wären eine plausible Erklärung für die beobachteten Karst-Großformen. Ob jedoch ein Bericht von Ende der siebziger Jahre in diesem Zusammenhang gesehen werden kann, ist zumindest erst einmal fraglich. Darin heißt es, "daß gleichzeitig mit der erfolgten Bildung eines Erdfalls südlich vom Baumhaus Hagen in der Stubnitz, die Gewässer in nordwestlicher Richtung, der etwa 3,5 km entfernten und bislang noch vollkommen klaren Quelle im Hohen Holze bei Vietzke, von Kreideschlamm milchig getrübt wurden und erst nach 8 - 10 Wochen ihre frühere Beschaffenheit wiedererlangten." Ebenso ist die Genese des Herthasees noch einmal umfassend zu untersuchen, um zu prüfen, ob die Senke wirklich auf Karsterscheinungen zurückzuführen ist. Denn wiederholt wurden minerogene Fließerden innerhalb der Muddenfolge des angrenzenden Herthamoores erbohrt, die nur schwer vom minerogenen Untergrund zu unterscheiden sind.